von Diana Posth
veröffentlicht in: Kunst und Kultur
Zugegeben nicht mehr ganz neu aber immer wieder neu interpretiert, die Vereinfachung des Lebens. Ratgeber wie „Getting things done” oder „Symplify your life” haben das Thema umgekrempelt, reflektiert und darüber sinniert. Verkauft in Millionenauflagen und in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Das Leben ein Waschzettel, eine symbolische Stufenpyramide aus Geld, Zeit, Gesundheit, sich selbst und anderen und wieder über andere von anderen. Es reicht nicht mehr aus, den Keller zu entrümpeln, um sich sortiert zu fühlen. Abnahme der Komplexität: Fehlanzeige. Ein eindeutiges Zeichen. Oder etwa nicht? Wir brauchen Hilfe!
Die Gurus der Postmoderne saugen mittlerweile alle Spektren des Lebens in einem Trichter auf und speien nur das subjektiv Sinnige am anderen Ende aus. Ein leicht meditativer und säuselnder Tonfall haucht Zeit-Junkies auf verschiedene Weise Begriffe zu: Ent-rümpelung, Ent-schleunigung, Ent-spannung, Ent-ledigung…ein heilsames Ent-Einmaleins. Seltsam?
Alles spricht für diesen Trend: Der Tag hat 24 Stunden, gefühlt jedoch einige weniger. Wer kennt das nicht. Ein Paradoxon – verfügen wir doch über neue, beschleunigte Technologien, die alles erleichtern. Eigentlich. Aber nicht nur Chronos und Kairos, also die unendlich fließende Zeit und die schnelle Momentaufnahme, sind leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Auch andere Dinge wirken deformiert.
Sind die Medien nicht Spiegel der Zeit? Sendungen wie „Die Supernanny” oder „Raus aus der Schuldenfalle” zeigen: Wir sind der Schnelllebigkeit ein Stück weit verfallen. Wachsende Komplexität gleich mentaler Overkill? Blockiert das die Urteilsfähigkeit? Ist die richtige Ent-scheidung aus dem Einmaleins gefallen? Ein kurzer Schwenk zu den Experten in Sachen Entscheidungen. Chaos-Beispiel Judikative. Richter sehen sich oft gezwungen, Urteile aus dem Bauch heraus zu fällen. Gründe: Prozessflut, Stellenabbau ergo Zeitdefizit. Wir sehen uns weiter um.
Out and about in Cannes: Cannes quo vadis? 3-D Filme und klobige Plastikbrillen als Rezept gegen die Ratlosigkeit in Zeiten schnelllebiger Medien? Die Welt am Sonntag dazu: „Das Festival ist in diesem Jahr auf eine eigenartige Weise im Gestern gefangen.” Ein progressives Zurück in Zeiten des exzessiven Voran?
Out and about in Hamburg: Die Kunst- und Kulturszene scheint sich einig zu sein. Es bedarf Orten der Entschleunigung in einer Zeit voller millionenfacher sekündlich getakteter Sinneseindrücke. Das Schauspielhaus Hamburg widmete dem Thema gleich eine ganze
Veranstaltungsreihe.
Prof. Dr. Gaßner, Direktor der Kunsthalle, wies bei seiner Eröffnungsrede zur Vernissage der von der Montblanc Kulturstiftung erworbenen Kunstwerke auf die Schnelllebigkeit hin. Sein Rezept: „Das Museum als Ort der Entschleunigung.” Alle Werke drehen sich außerdem um die Begriffe „Zeit” und „Zeitanker”. Darunter sind internationale Künstler wie Daniel Richter, Sylvie Fleury, Thomas Demand. Apropos Montblanc:
Out and about New York, Ende der 90er: Montblanc eröffnet im Flagship Store ein “Entschleunigungsstudio”, eine Videoinstallation, die den Kunden lehren soll, hin und wieder auszuspannen.
Bestseller über Sein & Zeit oder besser Zeit & Sinn. Be- oder Entschleunigung, vor oder zurück? Durch die neue Flut an Infos geraten wir manchmal zu seltsamen „Wirklichkeitserfahrungen”. Allerdings zählt – wie immer – der eigene Wille. Was lassen wir zu, was lassen wir sein? Das erinnert vielleicht etwas an Aleister Crowley: Zunächst erforschen zu müssen, worin dieser eigene Wille überhaupt besteht.